Samstag, 8. Mai 2010

Freundschaft

Ganz nüchtern und rational betrachtet ist Freundschaft eine zwischenmenschliche Bindung. Die zweitstärkste zwischenmenschliche Verbindung nach der Liebe. Ein Freund ist ein Mensch, dem man einen großen Teil seiner Zeit schenkt, dem man gibt und von dem man nimmt.
Doch was gibt und was nimmt man? Ich bin der Überzeugung, dass das in jeder Freundschaft verschieden ist. Was in einer Liebesbeziehung gegeben und genommen wird, ist relativ klar zu definieren: Den größten Teil seiner Zeit, Zärtlichkeiten/körperliche Zuwendung, emotionale Nähe und Anteilnahme. Doch was in einer Freundschaft, außer Zeit, gegeben und genommen wird ist sehr variabel und schwer zu pauschalisieren. Ich habe einmal versucht das, was meine einzelnen Freundschaften mir geben zu benennen.
Da gibt es zunächst einmal meine Allround-sorglos-Freundin. Bei ihr habe ich das Gefühl wirklich ich selbst sein zu können und trotzdem geliebt zu werden, egal welche abscheulichen Seiten auftauchen. Sie gibt mir das Gefühl von Sicherheit, wenn ich am Leben verzweifle, ist sie zur Stelle und lebt mich. Ich kann mich immer auf sie verlassen.
Dann gibt es meinen Gehirngesprächsfreund und meine Gehirngesprächsfreundin. Mit diesen beiden kann ich die komplexen Tiefen des menschlichen Gehirns und speziell meines und ihres Gehirns ergründen und so für mein Seelenheil sorgen, indem sie mir immer wieder helfen mich und die Welt zu verstehen.
Eine weitere Freundin ist meine Lachfreundin. Mit ihr kann ich so viel und ausgelassen lachen und rumalbern wie mit niemand anderem. Sie gibt mir die nötige Gelassenheit und Sorglosigkeit, die ab und zu notwendig ist, um alles nicht zu ernst zu nehmen.
Meine Ersatzmamafreundin passt immer auf mich auf, schimpft mit mir, wenn ich etwas Dummes tu und lässt mich einfach nur auf ihrem Schoss liegen, wenn ich traurig bin. Sie gibt mir das Gefühl von aufgehoben und Kind sein.
Die letzten beiden, meine Lesbenfreundinnen, teilen ihre sexuelle Orientierung mit mir. Sie geben mir das Gefühl von Zugehörigkeit und Identifikation.
Alle diese sehr verschiedenen Freundschaften geben mir etwas, was kein anderer von ihnen ersetzen kann. Meine Lachfreundin könnte beispielsweise nicht den Part der Gehirngesprächsfreunde übernehmen oder umgekehrt. Mit jedem von ihnen verbindet mich etwas ganz anderes, doch es ist immer etwas, ohne das mein Leben wesentlich schwieriger wäre.
Kann man diese ganz verschiedenen Freundschaften nun werten? Gibt es so etwas wie „die beste Freundin“ oder „den besten Freund“, wenn doch jeder von ihnen mit etwas ganz anderes, eigenes gibt? Ich denke die Bezeichnung „beste(r) Freund(in)“ ist überholungsbedürftig.
Es gibt sicher Zeiten, in denen man etwas Bestimmtes am meisten braucht und so am meisten Zeit mit eben dieser Person verbringt, die einem dies bieten kann, doch es sind immer nur begrenzte Zeitperioden.
Diese sechs Freunde sind es, dessen Zusammenspiel es momentan möglich macht, dass es mir an nichts fehlt, doch ich und auch sie verändern sich.
Im Laufe des Lebens passiert es, dass man in einem bestimmten Lebensabschnitt merkt, dass man das, was man von einem bestimmten Freund bekommen hat, nicht mehr braucht oder es geschieht andersherum und so trennen sich die Wege. Oder man bemerkt, dass man plötzlich etwas braucht, wonach man sich früher nicht gesehnt hat oder der Freund, der einem etwas gab, das man immer noch braucht ist aus irgendwelchen Gründen nicht mehr verfügbar. So geschieht es, dass immer mal wieder Freunde kommen und immer mal wieder Freunde gehen oder auch der Bequemlichkeit halber ausgetauscht werden, wie es bei meinem Orientierungsfreund der Fall war. Das ist zwar hart und traurig, aber menschlich.
Nur die wenigsten Freunde schaffen es ein Leben oder fast ein Leben lang zu bleiben, da es schwierig ist sich immer wieder miteinander zu verändern und gerade etwas erfüllen zu können, was der andere braucht.

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